Zum Thema passend gebe ich hier eine Übersetzung eines Artikels meines schwedischen Freundes Ulf Lindström aus sulkysport.se vom April 2024 wieder:
Als Vierjähriger (Weltrekordzeit 1:09,0) kam Pine Chip im Dezember 2000 für die damals stattliche Summe von 36 Millionen SEK (nach heutigem Geldwert 5,6 Millionen Euro) auf die Broline Farm im Südwesten Schwedens. Die Kalkulation hinter dem Erwerb basierte darauf, dass das Deckbuch von Anfang an voll und geschlossen sein würde. Doch am 20. April geriet dieser Plan ins Wanken.
In einer Gastkolumne der führenden schwedischen Fachzeitschrift wurde seine bisherige Bilanz kritisch hinterfragt: „Eine Analyse der Nachkommen von Pine Chip aus dem besten in Nordamerika verfügbaren Zuchtstutenbestand ist keine erfreuliche Lektüre“ – und um noch eins draufzusetzen: „Diese Bilanz ist nur einer der Gründe für Pine Chips Wechsel aus den USA.“ (Fairerweise muss man sagen, dass der Artikel namentlich gezeichnet war und es sich nicht um anonyme Hetze handelte.)
Tommy Norén, der Leiter der Broline Farm, erinnert sich noch gut an jenen Aprilmorgen. Ein früher Anruf eines gut informierten schwedischen Deckhengstvermittlers brachte es auf den Punkt: „Das war’s!“ Den Rest des Tages verbrachten die vier Eigentümer mit zahlreichen Telefonaten untereinander.
Züchter, deren Stuten Anfang Mai noch nicht tragend sind – sei es durch spätes Decken anstatt einer Ruhepause und eines Neustarts des Zyklus oder schlicht durch Zögern der Eigentümer bei der Hengstwahl –, werden ungeduldig und suchen womöglich nach einem alternativen Deckhengst. Für viele (die meisten) Hengstbesitzer, unabhängig von der Höhe der Decktaxe, entscheidet sich in den letzten acht Wochen der Decksaison, ob man am Ende rote oder schwarze Zahlen schreibt. Ebenso wichtig – wenn nicht sogar wichtiger – ist für einen hochkarätigen Hengst die Frage, was das erste Jahr im Deckeinsatz für die zweite und dritte Saison bedeutet.
Pine Chips erster Fohlenjahrgang in Schweden (2002) umfasste 128 Fohlen: 74 im schwedischen und 41 im italienischen Register. Zum Vergleich: Im Jahr 2001 wurden 6.387 im schwedischen Stutbuch eingetragene Stuten gedeckt. Aus einer Vielzahl kaum zu entwirrender Gründe blieb diese Zahl hinter Pine Chips Marktpotenzial zurück, wie die Bilanz seiner zweiten Saison – 258 registrierte Nachkommen – nahelegt.
Was war also in der Zwischenzeit geschehen? Im Frühjahr 2002 war Scarlet Knight keinem Züchter mehr unbekannt. Der in Amerika geborene Sohn von Pine Chip – in Harrisburg für 17.000 Dollar verkauft, ein Preis, der für sich genommen schon das Interesse geweckt hatte – hatte im August zuvor das Hambletonian gewonnen. Auch die großen Gestüte nahmen zur Kenntnis, dass Dream Vacation im Nat Ray Trot den dritten Platz belegt hatte und Civil Action zwei Tage zuvor das prestigeträchtige Peter Haughton Memorial gewonnen hatte. (Norén und Gestütsbesitzer Sune Svedberg waren vor Ort in den Meadowlands.)
Pine Chips Erfolgsbilanz setzte sich mit einem weiteren Hambletonian-Sieg in Folge fort (durch Chip Chip Hooray). Damit war alles gesagt. Scarlet Knight avancierte – begleitet von „Schwedens Mann auf dem Mond“ – zu einem Aushängeschild, das weit über die Grenzen unseres Sports hinaus für Aufsehen sorgte. In den folgenden Jahren sicherten sich auch Pine Chips Söhne und Töchter Siege bei den wichtigsten schwedischen Rennen. In Italien gewann Daguet Rapide (der zudem aus einer französischen Mutterlinie stammte) das Derby 2003. Pine Chip war als Deckhengst auf einem Höhenflug: In den vier entscheidenden Folgejahren wurden für 774 europaweit registrierte Fohlen (stattliche) Deckgelder gezahlt. Als er 2017 aus der Zucht verabschiedet wurde, hatten seine Besitzer durch ihn einen Nettoertrag von 10 Millionen Dollar erzielt.